
In den letzten Monaten habe ich viel mit lokalen KI-Modellen, agentischen Workflows und neuen Formen der Mensch-KI-Zusammenarbeit experimentiert. Mit Codex von OpenAI ist für mich nun ein weiterer spannender Schritt sichtbar geworden: KI verlässt zunehmend die Rolle des reinen Antwortsystems und wird zu einer Art Arbeitsassistenz am eigenen Rechner.
Codex ist ein KI-gestützter Programmier- und Arbeitsassistent von OpenAI. Laut OpenAI kann Codex Code lesen, verändern und ausführen und in einer lokalen Arbeitsumgebung mitarbeiten. Genau das ist entscheidend: Es geht nicht mehr nur darum, dass ein Chatbot erklärt, was zu tun wäre. Codex kann einzelne Arbeitsschritte tatsächlich begleiten, prüfen und selbst ausführen. Der Mauszeiger von Codex bewegt sich über den Bildschirm und klickt sich durch die Menüs. Text wird wie von Geisterhand an den richtigen Stellen eingefügt.
Besonders eindrücklich war das für mich bei einer technischen Installation rund um eine lokal laufende KI-Anwendung. Konkret wollte ich den Webzugriff auf LM Studio einrichten. LM Studio nutze ich schon länger, um lokale Sprachmodelle auf dem eigenen Gerät auszuprobieren. Das passt zu meinen bisherigen Aktivitäten rund um lokale KI, Datenschutz und digitale Souveränität.
Allein wäre mir diese Einrichtung vermutlich deutlich schwerer gefallen, weil viele kleine Dinge zusammenspielen mussten: Einstellungen, Abhängigkeiten, Fehlermeldungen, Tests, Korrekturen. Codex hat dabei nicht nur Hinweise gegeben, sondern direkt im Prozess mitgearbeitet. Es hat Dateien geprüft, Befehle ausgeführt, Fehlermeldungen ausgewertet, Anpassungen vorgenommen und anschließend getestet, ob die Lösung funktioniert.
Das verändert die Erfahrung grundlegend. Man sitzt nicht mehr vor einer Liste technischer Anweisungen, die man mühsam abarbeitet. Vielmehr entsteht ein gemeinsamer Arbeitsprozess: Ich beschreibe das Ziel, Codex schlägt Schritte vor, probiert aus, reagiert auf Rückmeldungen des Systems und arbeitet weiter. Natürlich braucht es weiterhin Kontrolle, Aufmerksamkeit und ein Grundverständnis dafür, was passiert. Aber die Einstiegshürde sinkt deutlich.
Für mich knüpft diese Erfahrung an mehrere frühere Beobachtungen an. In meinem Beitrag zu Gemma 4 hatte ich beschrieben, dass sich ein lokales Modell erstmals wie ein brauchbarer Denkpartner anfühlte. Bei Hermes mit Qwen3 ging es um die Frage, wie weit lokale KI-Setups mit agentischen Qualitäten produktives Arbeiten ermöglichen. Und in der #denkbar-Nachbetrachtung zu agentischer KI stand die größere Frage im Raum, was passiert, wenn KI-Systeme nicht mehr nur antworten, sondern Aufgaben selbstständig verfolgen.
Codex macht diese Entwicklung sehr konkret. Die KI wird nicht einfach „klüger“ im Gespräch, sondern handlungsfähiger im Alltag der Computernutzung. Sie kann mit lokalen Dateien, Werkzeugen und Fehlermeldungen umgehen. Das wirkt im ersten Moment fast irritierend: Man sieht, wie Codex klickt, prüft, schreibt, wartet, korrigiert und weitermacht. Es fühlt sich weniger wie ein klassischer Chatbot an und mehr wie ein technischer Assistent, der mit am Rechner sitzt.
Gerade für Bildungsarbeit ist das interessant. Viele Menschen scheitern bei digitalen Werkzeugen nicht an fehlender Neugier, sondern an technischen Hürden: Installationen, Konfigurationen, kryptische Fehlermeldungen. Wenn KI hier unterstützend mitarbeiten kann, entstehen neue Möglichkeiten für Selbstständigkeit und Teilhabe. Gleichzeitig braucht es eine kritische Haltung: Wer darf was ausführen? Welche Daten werden sichtbar? Wo braucht es menschliche Entscheidung und Kontrolle?
Codex ist für mich deshalb weniger ein weiteres KI-Tool als ein Hinweis auf eine neue Arbeitsweise. Die Grenze zwischen Beratung, Anleitung und Ausführung verschiebt sich. KI gibt nicht mehr nur Antworten auf Fragen. Sie wird Teil des praktischen Tuns.
Das ist faszinierend, hilfreich und zugleich ein guter Anlass, sehr genau hinzuschauen.
Links:
- Gemma 4: Das erste lokale Modell, das sich wirklich wie ein Denkpartner anfühlt
- Seit heute: Hermes lokal mit Qwen3.6-27B-UD-MLX
- Nachbetrachtung #denkbar #26: Agentische KI, lokale Workflows und digitale Souveränität
- KI-Browser und KI-Agenten verändern unsere Arbeit
- OpenAI: Codex
Kategorien/Tags:
KI, Digitale Souveränität, Agentische KI, Lokale KI, Codex, LM Studio, Bildung