Corporate Design als Skill: Ein Werkstattbericht

Corporate Design lebt bei den meisten Kleinunternehmen in einer PDF-Datei, die niemand mehr öffnet. Ein Styleguide mit Hex-Codes, Logovarianten und Schriftgrößen – erstellt vor Jahren, seither zitiert, aber selten angewendet. In der Praxis wird dann doch wieder die letzte Angebotsvorlage kopiert, der Titel überschrieben und gehofft, dass das Blau noch stimmt.

Ich habe eben ausprobiert, ob es anders geht: Was passiert, wenn man das Corporate Design nicht als Dokument ablegt, sondern als Skill – als etwas, das eine KI bei jeder neuen Datei automatisch anwendet? Das Ergebnis ist ein Werkstattbericht mit ein paar überraschend glatten Schritten und ein paar sehr lehrreichen Stolpersteinen.

Schritt 1: Die Website als Vorlage

Der Ausgangspunkt war denkbar unspektakulär. Ich habe der KI die Adresse unserer Unternehmenswebsite gegeben – mehr nicht. Keine Farbwerte, keine Logodatei, kein Briefing. Die Aufgabe: Analysiere dieses Layout und baue daraus etwas Wiederverwendbares.

Was zurückkam, war ein sogenannter Skill – eine benannte, aufrufbare Design-Fähigkeit in ChatGPT (Claude macht das auch sehr gut). Sie enthält das Originallogo, die Farbwelt der Website, die tatsächlich verwendeten Schriften (Crete Round für Überschriften, Source Sans Pro für Fließtext) und ein A4-Layout mit Kopf- und Fußzeile.

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass eine KI ein hübsches PDF erzeugen kann. Das kann sie seit Jahren. Entscheidend ist, dass das Design ab diesem Moment einen Namen hat. Ich muss nicht mehr beschreiben, wie unsere Dokumente aussehen sollen. Ich rufe den Skill auf – und der Rest passiert.

Schritt 2: Das Angebot

Erster Test: ein Angebotsmuster. Deckblatt, nummerierte Abschnitte, Kontaktfußzeile, Logo an der richtigen Stelle.

Für mich als Selbstständigen ist das kein Gimmick, sondern eine spürbare Entlastung. Angebote schreibe ich häufig – für Workshops, Beratungen, Projektbegleitungen. Der inhaltliche Teil ist die eigentliche Arbeit. Die Formatierung ist reine Reibung. Genau diese Reibung fällt weg.

Schritt 3: Aus dem PDF wird eine Präsentation

Danach der nächste Sprung: aus einem bestehenden PDF eine moderne, knappe Präsentation im selben Design. Zwölf bearbeitbare Folien, konsistent gestaltet, nicht als starre Bilddatei, sondern als echte PowerPoint, in der ich jeden Satz noch ändern kann.

Das ist der Moment, in dem der Ansatz seinen Wert zeigt. Nicht nur ein Dokument sieht gut aus, sondern alle Dokumente sehen gleich aus – über Formatgrenzen hinweg. PDF, Präsentation, später Website: ein Designsystem, drei Ausgabekanäle, kein Medienbruch.

Der Stolperstein: Schriften

Hier lief es dann nicht mehr glatt, und das ist der interessanteste Teil.

Die Schriften wurden in der Vorschau korrekt angezeigt – in PowerPoint aber nicht. Der Grund ist banal und trotzdem typisch: Schriften waren nicht in die Datei eingebettet, und auf meinem Rechner waren sie schlicht nicht installiert. Es brauchte einen Zwischenschritt (Schriftpaket entpacken, per Doppelklick installieren, PowerPoint komplett beenden und neu starten) und einen zweiten Anlauf, bis alles passte.

Die KI konnte das Layout bauen; sie konnte nicht wissen, was auf meinem Mac installiert ist. Wer solche Workflows in Organisationen einführt, sollte genau diese Bruchstellen einplanen – sie sind der Grund, warum „es hat bei mir nicht funktioniert“ so oft das Ende guter Ideen ist.

Schritt 4: Und dann eine Website

Zum Abschluss habe ich aus denselben Inhalten eine kleine Website erzeugen und direkt bei ChatGPT Sites hosten lassen – wieder mit Originalschriften und Logo. Bemerkenswert war weniger das Ergebnis als die Zugriffsfrage, die dabei auftauchte: privat oder öffentlich ohne Anmeldung? Eine kleine Abfrage, aber eine, die zeigt, dass Veröffentlichungsentscheidungen bewusst beim Menschen bleiben.

Was ich daraus mitnehme

Design wird von Dokumentation zu Infrastruktur. Ein Styleguide beschreibt, wie etwas aussehen soll. Ein Skill macht, dass es so aussieht. Das ist ein qualitativer Unterschied, keine Effizienzsteigerung um zehn Prozent.

Der Aufwand liegt am Anfang – und er ist klein. Die Einrichtung hat einen wenige Minuten gekostet, inklusive aller Umwege. Jedes künftige Angebot, jede Präsentation profitiert davon.

Konsistenz ist für kleine Organisationen ein realistisches Ziel geworden. Bisher war einheitliches Auftreten ein Privileg von Häusern mit eigener Grafikabteilung. Diese Schwelle sinkt gerade deutlich.

Und: Die Kontrolle bleibt. Das Ergebnis ist bearbeitbar, nicht eingefroren. Ich kann jeden Satz ändern, jede Folie umstellen. Die KI hat den Rahmen gebaut, nicht die Entscheidung getroffen.

Für alle, die in Bildungseinrichtungen, Vereinen oder sozialen Unternehmen arbeiten, ist das aus meiner Sicht die relevanteste Entwicklung: Nicht die spektakulären KI-Demos verändern den Arbeitsalltag, sondern solche unscheinbaren Verschiebungen. Die halbe Stunde Formatierungsarbeit, die es nicht mehr braucht. Multipliziert mit allen Angeboten eines Jahres.

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